HomeWer ist Jesus?ForumChatNewsletterE-Mail SupportKontakt   

"Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Musik und Tonträger, Buch- und Filmbesprechungen, herkömmliche und elektronische Spiele

Moderator: firebird

"Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Yuki » Di 9. Jul 2019, 18:14

Hallo zusammen, ich möchte gern diesen Thread zum Teilen und / oder Diskutieren von Ausschnitten aus "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski benutzen. Ich bin noch recht am Anfang des Buches, aber diesen Teil finde ich bisher genial:

Es ist ein Gespräch zwischen der Mutter einer Tochter und einem "Starez" (in meinen Augen so eine Art Erzmönch, der ein breites Ansehen genießt in der orthodoxen Kirche).

»Wie Sie das sagen! Was für kühne, erhabene Worte!« rief die Mama. »Es dringt einem mitten ins
Herz, wenn Sie reden. Und doch, das Glück – wo ist das Glück? Wer kann von sich sagen, er sei ganz
glücklich? Da Sie uns gütigst erlaubt haben, Sie heute noch einmal zu sehen, so hören Sie denn alles,
was ich Ihnen das vorige Mal verschwiegen habe, weil ich nicht den Mut hatte, es Ihnen zu sagen:
alles, worunter ich leide, schon lange, lange leide! Ich leide, verzeihen Sie mir, ich leide ...«
Ungestüm faltete sie ihre Hände vor ihm.

»Worin besteht Ihr Leiden?«

»Mein Leiden besteht im Unglauben ... «

»Im Unglauben an Gott?«

»O nein, so etwas wage ich gar nicht zu denken! Aber das zukünftige Leben, das ist mir ein Rätsel!
Und niemand kann es mir lösen, dieses Rätsel! Hören Sie, Sie Heilsspender, Sie Kenner der
menschlichen Seele! Ich kann natürlich nicht verlangen, daß Sie mir völlig glauben, aber ich
versichere Ihnen hoch und teuer, daß ich nicht leichtfertig zu Ihnen rede, daß mich vielmehr der
Gedanke an ein Leben nach dem Tode aufregt bis zu tatsächlichem Leiden, ja bis zu Schrecken und
Angst ... Ich weiß nicht, an wen ich mich wenden soll. Ich hatte mein Leben lang nicht den Mut. Und
jetzt, jetzt wage ich es, mich an Sie zu wenden ... O Gott, wofür werden Sie mich halten!« Sie schlug
die Hände zusammen.

»Sorgen Sie sich nicht um meine Meinung«, antwortete der Starez. »Ich glaube durchaus an die
Aufrichtigkeit Ihres Kummers.«

»Oh, wie dankbar bin ich Ihnen! Sehen Sie, ich schließe oft die Augen und denke: Wie kommt es, daß
alle Menschen glauben? Es wird vielfach gesagt, das habe seinen Ursprung in der Furcht vor
schrecklichen Naturerscheinungen, weiter gar nichts. Und nun denke ich: Wenn ich mein ganzes Leben
geglaubt habe und dann sterbe, und dann ist da nichts, und auf dem Grabe wächst die Klette, wie ich
bei einem Dichter las? Das wäre doch entsetzlich! Wodurch kann ich den Glauben wiedererlangen?
Übrigens habe ich nur geglaubt, als ich noch klein war, mechanisch, ohne etwas dabei zu denken.
Aber wie und wodurch läßt sich das beweisen? Ich bin gekommen, um vor Ihnen niederzufallen und
Sie um Auskunft zu bitten. Denn wenn ich jetzt die Gelegenheit verstreichen lasse, wird mir mein
Leben lang niemand mehr meine Frage beantworten. Wie läßt es sich beweisen, wie kann man zur
Überzeugung gelangen? Oh, das ist mein Unglück! Ich stehe da und sehe, daß allen oder fast allen
rings um mich her die ganze Sache gleichgültig ist und daß niemand sich darum Sorge macht – nur ich
kann das nicht ertragen. Das richtet mich zugrunde, völlig zugrunde!«

»Ohne Zweifel richtet das einen Menschen zugrunde. Beweisen läßt sich hier allerdings nichts; doch
zur Überzeugung zu gelangen, das ist möglich.«

»Wie das? Wodurch?«

»Durch die Erfahrung der tätigen Liebe. Bemühen Sie sich, Ihre Nächsten tätig und unermüdlich zu
lieben! Je größere Fortschritte Sie in der Liebe machen, desto mehr werden Sie sich überzeugen von
dem Dasein Gottes und von der Unsterblichkeit Ihrer Seele. Und wenn Sie in Ihrer Nächstenliebe bei
völliger Selbstverleugnung angelangt sind, dann werden Sie auch zuversichtlich glauben, und kein
Zweifel wird mehr in Ihre Seele Eingang finden. Das ist erprobt, das ist sicher.«

»Tätige Liebe? Das ist auch wieder eine Frage, und zwar eine schwere, schwere Frage! Sehen Sie,
ich liebe die Menschheit so sehr, daß ich – werden Sie mir das glauben? – manchmal daran denke,
alles, was ich besitze, von mir zu werfen, Lisa zu verlassen und Barmherzige Schwester zu werden.
Ich schließe die Augen, denke und träume; in solchen Augenblicken fühle ich eine unwiderstehliche
Kraft in mir. Keine Wunde, kein eiterndes Geschwür könnte mich schrecken. Ich würde sie verbinden
und mit meinen eigenen Händen waschen, ich würde die Wärterin dieser Leidenden sein, ich wäre
bereit, diese Geschwüre zu küssen.«

»Es ist schon viel und gut, wenn Ihr Geist davon träumt und nicht von etwas anderem. Nein, nein, Sie,
werden wirklich eine gute Tat tun, bevor Sie sich dessen versehen.«

»Aber könnte ich so ein Leben lange führen?« fuhr die Dame erregt, beinahe außer sich fort. »Das ist
die Hauptfrage, das ist die Frage, die mich am meisten quält. Ich schließe die Augen und frage mich:
Würdest du es lange auf diesem Weg aushalten? Und wenn der Kranke, dessen Geschwüre du
wäschst, dies nicht sogleich durch Dankbarkeit vergilt, sondern dich im Gegenteil anschreit, ohne
deine Menschenfreundlichkeit zu bemerken und zu würdigen; wenn er in grobem Ton dies und das
verlangt und sich sogar bei den Vorgesetzten beschwert. Wie es bei Schwerkranken häufig
vorkommt? Was dann? Wird deine Liebe fortdauern oder nicht? Und denken Sie, ich habe mir mit
Zittern und Zagen bereits die Antwort auf diese Frage gegeben: Wenn irgend etwas meine tätige Liebe
zur Menschheit sofort auslöschen kann, so ist es einzig und allein der Undank. Ich bin eben eine
Lohnarbeiterin: ich fordere augenblicklich Bezahlung, Lob und Vergeltung meiner Liebe durch
Gegenliebe. Anders kann ich niemanden lieben!«
Es war ein Anfall aufrichtigster Selbstanklage, und sie blickte, als sie geendet hatte, den Starez mit
herausfordernder Entschlossenheit an.

»Genau dasselbe hat mir schon vor langer Zeit ein Arzt erzählt«, erwiderte der Starez. »Er war ein
schon bejahrter Mann und unstreitig klug. Er sprach ebenso offen wie Sie, zwar scherzend, aber dabei
traurig. ›Ich liebe die Menschheit‹, sagte er, ›aber ich wundere mich über mich selbst: je mehr ich die
Menschen liebe, desto weniger liebe ich den einzelnen Menschen, das Individuum. Wenn ich mich so
meinen Träumereien hingab‹, sagte er, ›hatte ich manchmal die seltsamsten Absichten, der Menschheit
zu dienen. Ich würde mich vielleicht für die Menschen kreuzigen lassen, wenn das einmal irgendwie
nötig wäre – und dabei bin ich außerstande, auch nur zwei Tage mit jemand dasselbe Zimmer zu
teilen. Ich weiß das aus Erfahrung. Kaum kommt er mir nahe, verletzt seine Persönlichkeit schon
meine Eigenliebe und beeinträchtigt meine Freiheit. Ein einziger Tag genügt schon, mich den besten
Menschen hassen zu lehren: den einen, weil er mittags zu langsam ißt, den anderen, weil er Schnupfen
hat und sich fortwährend schneuzt. Sobald die Menschen mit mir in Berührung kommen, werde ich ein
Menschenfeind‹, sagte er. ›Und dabei wurde meine Liebe zur Menschheit bisher desto flammender, je
mehr ich die einzelnen Menschen haßte.‹«

»Was aber soll man tun? Was soll man in solchen Fällen tun? Muß man da nicht verzweifeln?«

»Nein, es genügt schon, daß Sie sich darum sorgen. Tun Sie, was Sie können, und es wird Ihnen
angerechnet werden. Sie haben schon viel dadurch getan, daß Sie sich selbst so tief und aufrichtig
erkennen lernten! Sollten Sie aber jetzt nur deshalb so offen mit mir gesprochen haben, um wie jetzt
ein Lob für Ihre Wahrheitsliebe zu empfangen, dann werden Sie es allerdings in den Großtaten der
tätigen Liebe zu nichts bringen; dann wird das alles nur Träumerei für sie bleiben und Ihr ganzes
Leben wird vorüberhuschen wie eine Vision. Dann werden Sie natürlich auch das künftige Leben
vergessen und sich schließlich selbst auf irgendeine Weise beruhigen.«

»Sie haben mich zerschmettert! Erst jetzt, während Sie sprachen, erkannte ich, daß ich tatsächlich nur
gehofft habe, Sie würden mich loben für meine Offenheit, mit der ich erzählte, daß ich Undank nicht
ertragen kann. Sie haben mir gesagt, wie es in mir aussieht! Sie haben mich ertappt und mir mein
innerstes Wesen erklärt!«

»Ist das die Wahrheit? Nun, nach einem solchen Bekenntnis glaube ich, daß Sie aufrichtig und von
Herzen gut sind. Wenn Sie das Glück nicht erlangen sollten, so bleiben Sie dessen eingedenk, daß Sie
auf gutem Wege sind, und hüten Sie sich, von ihm abzuweichen. Vor allem hüten Sie sich vor der
Lüge, besonders vor sich selbst. Geben Sie acht auf Ihre Lüge, behalten Sie sie zu jeder Stunde, zu
jeder Minute im Auge. Meiden Sie auch den Ekel vor anderen wie vor sich selbst. Was Ihnen an
Ihrem Innern häßlich erscheint, wird allein schon dadurch, daß Sie es bemerkten, geläutert. Meiden
Sie ferner die Furcht, obgleich sie nur eine Folge der Lüge ist. Erschrecken Sie, wenn Sie nach Liebe
streben, nie über Ihren eigenen Kleinmut; erschrecken Sie nicht einmal allzusehr über die schlechten
Handlungen, die Sie dabei begehen. Ich bedaure, daß ich Ihnen nichts Tröstlicheres sagen kann, denn
die tätige Liebe ist im Vergleich zu der nur geträumten ein hartes, schreckliches Ding. Die
träumerische Liebe dürstet nach einer Großtat, rasch ausgeführt und von allen gesehen. Es kommt so
weit, daß man sogar sein Leben hingibt, nur wenn die Sache schnell erledigt wird und so, daß alle es
sehen und loben – wie auf der Bühne. Die tätige Liebe dagegen ist Arbeit und Geduld; sie ist für
manche Menschen gewissermaßen eine richtige Wissenschaft. Ich kann es Ihnen im voraus sagen:
Sobald Sie mit Schrecken wahrnehmen, daß Sie all Ihrem Bemühen zum Trotz dem Ziel nicht nur
nicht näher kamen, sondern sich scheinbar von ihm entfernten – in diesem selben Augenblick, das
prophezeie ich Ihnen, werden Sie plötzlich das Ziel erreichen und deutlich Gottes wundertätige Kraft
erkennen! Gott hat Sie die ganze Zeit geliebt, die ganze Zeit insgeheim geleitet. Verzeihen Sie, daß ich
mich Ihnen nicht länger widmen kann; man erwartet mich. Auf Wiedersehen!«
Yuki
Newcomer
 
Beiträge: 16
Registriert: Sa 6. Jul 2019, 22:00

Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Thelonious » Mi 10. Jul 2019, 12:34

Hi Yuki,

zu meiner Schande muss ich sagen, dass ich die "Brüder Karamasow" nie ganz durchgelesen habe :oops: Ich habe mich aber eine Zeit lang ziemlich intensiv mit der ostkirchlichen Orthodoxie beschäftigt und das hat mir viel gegeben. Danke also für diesen input!

Ohne gleich den Namen zu verraten, es gibt hier aber im Userkreis zumindest eine Person mit deutlichen besserem Wissen aus der Ostkirchenorthodoxie. Ich hoffe, dass diese userin jetzt hierdurch angesprochen wird. Wenn nicht, versuche ich zu erläutern.

Gruß
Thelonious
Wir sehen nirgends so tief ins Herz Gottes wie auf Golgatha.
(Benedikt Peters )
Benutzeravatar
Thelonious
Senior-Moderator
 
Beiträge: 15249
Registriert: So 12. Aug 2007, 20:52
Wohnort: In der schönsten Stadt Deutschlands

Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon lionne » Mi 10. Jul 2019, 20:34

Ich kenne nur den Film (mit Yul Brynner und Maria Schell)!
Gruss lionne
Benutzeravatar
lionne
Eigene Wohnung
 
Beiträge: 8906
Registriert: Do 16. Aug 2007, 17:45
Wohnort: Jurasüdfuss

Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon KoS » Do 11. Jul 2019, 09:36

Klassisches Denken eines Mönches.
Liebe Grüsse, KoS
KoS
Member
 
Beiträge: 374
Registriert: Mi 3. Okt 2018, 16:41

Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Columba » Do 11. Jul 2019, 14:14

Was ist das klassische Denken eines Mönche?
Johannes 8,8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Benutzeravatar
Columba
Wohnt hier
 
Beiträge: 3310
Registriert: Di 30. Nov 2010, 11:24

Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon KoS » Do 11. Jul 2019, 15:13

Dass in der Abgeschiedenheit eines Klosters das sündige Fleisch sterbe.
Liebe Grüsse, KoS
KoS
Member
 
Beiträge: 374
Registriert: Mi 3. Okt 2018, 16:41

Re: "Die Brüder Karamasow" von Dostojewski

Beitragvon Columba » Do 11. Jul 2019, 15:54

Dann studiere doch erst mal den ganzen Artikel sorgfältig. Durchgelesen ist er schnell, aber das Verstehen ist wichtig.

Grüsse Columba


PS
Übrigens: Starzen waren nicht immer nur Mönche aus kontemplativen Orden, wie wir sie uns meist vorstellen. Manche waren verheiratet und hatten Kinder.
Johannes 8,8 Und er bückte sich wieder und schrieb auf die Erde.
Benutzeravatar
Columba
Wohnt hier
 
Beiträge: 3310
Registriert: Di 30. Nov 2010, 11:24


Zurück zu Unterhaltungsmedien

Wer ist online?

Mitglieder in diesem Forum: 0 Mitglieder und 2 Gäste

Das Forum wird von Livenet.ch & Jesus.ch betrieben

Anzeigen - einfach & günstig! / Kontaktanzeigen - spannend & effektiv!

| Home | Sitemap | Forum | Chat | Newsletter | E-Mail | Dialin | Support | Kontakt | Wer ist Jesus? | Youthmag | Service |
| News | Magazin | Jesus | Ratgeber | Information | ERlebt | Meditation | Kreativgalerie | Member | Pixel4Jesus | Livenet.ch | Gott.info |